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Zwei Wanderer

Ich will Ihnen noch ein weiteres Beispiel für die Bedeutung des Himmels geben:
Ich stelle mir zwei Wanderer vor, die seit 24 Stunden unterwegs sind. Ihre Beine sind bleischwer, sie sind todmüde und völlig abgeschlafft.
Kennen Sie solche trostlosen Momente? Ich schon. Doch es kommt bei unseren beiden Männern noch schlimmer:
Seit Stunden regnet es in Strömen und außerdem ist es bitterkalt. Beide Wanderer sind völlig durchnässt. Dazu kommt der Hunger, denn ihnen knurrt der Magen schon seit einiger Zeit. Und zu allem Übel haben die beiden auch noch schweres Gepäck.
Da kommt wirklich Freude auf.
Wobei ich eines noch vorweg sagen muss: Ich sehe das Leben keinesfalls so negativ. Ich kann meinem Dasein unwahscheinlich schöne Seiten abgewinnen. Ich lebe richtig gerne. Ich lebe in gewisser Weise sogar exzessiv, und ich freue mich an jedem Tag, den Gott mir gibt. Aber wer das Leben viel rosiger malt als einen mühsamen Weg, der ist entweder Idealist, oder ein unehrlicher Politiker, der wieder gewählt werden will. [...]
Aber zurück zu unseren Wanderern, die seit 24 Stunden unterwegs sind. Stellen Sie sich jetzt bitte folgendes vor: Auf einmal beginnt der der eine von ihnen , obwohl es noch immer regnet, fröhlich seine Jacke auszuziehen. Er streift seine Schuhe ab, schmeißt sie in hohem Bogen weg und pfeift ein lustiges Liedchen. Dann legt er seinen Rucksack ab und tanzt umher.
Was ist da passiert? Nun, das soll es ja geben, dass jemand angesichts einer großen Anstrengung die Nerven verliert und durchdreht. Der Wanderer jedenfalls ist nun ganz happy und heiter. Der andere neben ihm dagegen begrift die Welt nicht mehr: "Sag mal, spinnst du? Du musst dich doch vor der Nässe und der Kälte schützen! Los, zieh deine Jacke wieder an. Du kannst doch nicht einfach dein Gepäck abstellen!" "Doch, das kann ich", sagt der Fröhliche, "das ist nämlich jetzt alles nicht mehr so wichtig. Soll ich dein Gepäck tragen?" Der Andere ist völlig verwundert: "Wie bitt? Du wirfst dein Gepäck ab, um meins zu tragen?" Der Fröhliche erwidert: " Ja, gerne, kein Problem, gib es schon her, ich trage deins mit." "Na gut, wenn du so doof bist..."
Da sind zwei Menschen auf dem gleichen Weg. Die Situation hat sich im Prinzip überhaupt nicht verändert. Abe der eine kann plötzlich alles, was ihn belastet ablegen, kann Hunger, rege, Müdigkeit geradezu genießen, der schlechten Ausgangslage noch etwas Schönes abgewinnen und sogar die Last des anderen tragen. So einer kann doch nur verrückt sein? Oder?
In meinem Beispiel ist der vom Glück Gepackte nicht verrückt. Er hat nur etwas gesehen, das dem anderen entgangen ist. Rechts, ein wenig ab vom Weg, im Gebüsch verborgen, aber doch für alle sichtbar, steht ein großes Schild:
Gasthaus "Zum Hirrschen", 200 Meter, 24 Stunden warme Küche, Für Wanderer alles umsonst.
Es sind noch 200 Meter bis zum "Himmel". Noch ist er nicht da, aber aus der Hoffnung auf die "Vollendung", aus dem Wissen um einen paradiesischen Ort, an dem alle Tränen abgewischt werden, an dem es keine Tod und kein Leid mehr gibt, erwächst eine gewaltig Kraft. Noch ist der Gasthof nicht zu sehen, und doch verändert er schon die ganze Gegenwart. Weil der Wanderer weiß, dass er bald dorthin kommt, wo es kein Geschrei mehr gibt, wo er ein Zuhause findet, wo die tiefen Sehnsüchte nach Geborgenheit, nach Vaterschaft und Mutterschaft erfüllt sind, kann das, was er in dieser Welt erlebt, nicht nur "erträglich", sondern geradezu in Freude verwandelt werden. Der Himmelstrahlt in die Gegenwart hinein und bringt selbst in die schmerzvollste Situation Licht.
Noch einmal: An den äußeren Umständen hat sich bei den den Wanderer praktisch nichts geändert - und doch ist für den einen alles anders. Das Leben, das eben noch trostlos schien, hat ein Ziel, eine Sinn und damit auch eine himmlische Leichtigkeit, die die Lasten vergessen macht.
Es gibt so ein eigenartiges Kirchenlied: "In dir ist Freude / in allem Leide." Das meint genau diese Erfahrung. Wenn ich weiß und akzeptiere, dass das Glück der Welt nicht durch uns erfüllt werden kann, weil immer ein Rest an unerfüllter Sehnsucht bleiben wird, dann passiert etwas mit mir, mit uns! Dann kommen wir in einen Zustand, den man Zufriedenheit nennt - nicht Resignation. Ich wünsche Ihnen zutiefst, dass in Ihnen die Gewissheit wieder groß wird, dass das Eigentliche unseres Lebens nicht in der Zeit liegt, die wir auf dem Weg sind, und dass Sie nicht von diesem Leben alles erwarten. Die Jahre hier sind schön, aber sie lohnen sich für uns besonders, weil wir mit jedem Jahr dem Ziel näher kommmen. Und das eigentlich Schöne kommt erst am Ende: die Vollendung.

Eckard H. Krause
aus: Himmelhoch jauchzend, Reinhard Kawohl Verlag, Wesel 2002

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