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Clown

Es ist nur der Clown

"Komische Sache", denkt der Clown und betrachtet dabei aufmerksam sein Gesicht in der Spiegelscherbe. "Man hat als Clown nichts zu lachen! Wenn ich das Gesicht in die entsprechenden Falten lege, lachen die Leute darüber. Sie haben gut lachen! Alle lachen sie über mich. Wer lacht mit mir?"

Die schneeweiße Haarsträhne fällt dem Clown über die hohe Stirn. Er sieht erbärmlich alt aus. Er ist krank. Aber sein Beruf kennt keine Krankheit. Die Leute wollen lachen und applaudieren. Abend für Abend steht der Clown in lächerlich groteskem Aufzug im Scheinwerferlicht. Sie vergießen Tränen vor überschäumender Fröhlichkeit. Der Clown holt sie weit fort aus dem grauen Alltag, die vielen Menschen, die jeden Abend zur Vorstellung kommen, und er führt sie für Stunden in eine andere, lustige, augenzwinkernde, fröhliche Scheinwelt.

Nicht daß es die Welt des Humor nicht gäbe! Aber nach der Vorstellung, wenn er vor der Spiegelscherbe sitzt, dann überkommt ihn das heulende Elend.

"Ich bin wirklich krank und fühle mich gar nicht wohl!" denkt er und kramt zwischen den Schminktöpfen und Puderdosen herum. "Aber wann fühle ich mich je in dieser Rolle wohl?"

Er zieht mechanisch die Augenbrauen nach, schminkt die Mundpartie schneeweiß, pudert ab, wühlt den Rotstift hervor und starrt abwesend in das trübe, blindgewordene Glasstück. "Glück und Glas wie leicht bricht das!"

Da öffnet sich die Wohnwagentür und der Inspizent ruft: "Los, du bist gleich dran! Verflixte Trottelei!"

Der Clown erschrickt. "Ich grüble zuviel!", denkt er und verzieht das Gesicht zur üblichen, wirkungsvollen Maske. Raus aus dem Wagen, hinüber in die Arena! Die Kapelle schmettert schon den letzten Teil des Galopps.

Und dann steht er mitten im Scheinwerferlicht und lächelt. Auf den Zuschauersitzen quittieren man mit gönnerhaftem Applaus.

"Eigentlich bin ich nur der Pausenfüller", grübelt der Clown und verzieht das Gesicht. Und schon lachen die Leute.

Dann folgt ein bißchen Akrobatik auf der Handharmonika und die Sache mit dem Hut. Die Leute lachen und klatschen.

Dann kommt die Hosenszene dran. Die viel zu langen Schuhe, die unheimlich dehnbaren Hosenträger, der Sockenhalter rechts ... Das Volk auf den Plätzen wiehert vor Vergnügen. Einem dicken Mann stehen die Wasserperlen vor Lachen in den Augen.

"So, jetzt den Salto rückwärts! - Gleich, gleich ... O Gott, mir ist schlecht, übel, ganz furchtbar unwohl. Was ist bloß los ...? Ich sehe lauter kringelnde Kreise. Ich sehe ..." Der Clown setzt sich hin und kriegt Schwierigkeiten mit den ellenlangen Hosenbeinen.

Das ist unvorschriftsmäßig, gehört nicht zur Nummer. Er bückt sich und schiebt die Hosenbeine hoch, das Volk lacht, während er automatengleich das Gesicht verzieht, was stets dieselbe Wirkung verspricht.

In der dritten Reihe sitzt ein kleines Mädchen neben seiner Mutter. Das Kind quietscht vor Vergnügen. Die Mutter lacht. "Mutti, der ist gut, wie?" Und sie lacht und vergißt alles um sich herum, sieht nur die strahlenden Kinderaugen und denkt: "So ein Clown ist ein glücklicher Mensch. Er kann Tausende zum Lachen bringen und wird dafür bezahlt."

Da hat der Clown sich wieder in der Gewalt. Er spürt, wie es in der Kehle würgt. Aber er ist lachende, komische Maske. "Jetzt den Salto? ... Nein, noch nicht, Augenblick noch. Mir ist heute so schwindelig im Kopf, wovon nur? - Ich könnte den nächsten Witz vorwegnehmen." Der Clown tritt vor, legt den Zeigefinger quer über den Mund, wartet eine Weile, bis es ganz still unter dem Zeltdach geworden ist und setzt dann zum nächsten Witz an ...

"Was ist los? Will er nicht, hat er wieder keine Lust?" flüstert der Saxophonbläser dem zweiten Geiger zu.

"Ist schon die ganzen Tage über so seltsam verändert gewesen", gibt der zurück.

"Ja, aber wo bleibt der Salto? Der bringt uns die ganze Nummer durcheinander. Wann bin ich dran?"

Die Zuschauer sind ganz Ohr. Der Dicke beugt sich vor, damit ihm kein Wort entgeht. Dann knallt die Pointe. Eine Sekunde braucht das Volk zum Begreifen. Dann fetzt das Lachen, das Wiehern, Schnaufen und Glucksen durch die Runde. Der Clown wankt, taumelt, torkelt. Das sieht zum Kullern aus, bei seinen überlangen Schuhen und Hosen. Sie lachen, lachen, lachen ...

Der Clown hebt abwehrend die Hand. Um ihn dreht sich das ganze Zelt. Jetzt hilft keine Ausflucht mehr. Jetzt kommt der Salto. Der Salto. Der Sal ... Der komische Mann in der Manege setzt an, springt auf dem federnden Sprungbrett ab, springt, fliegt, überschlägt sich, fällt ... und bleibt liegen.

"Jetzt markiert er!" ruft das lachende Mädchen seiner Mutter zu. Applaus klingt auf, steigert sich, noch lauter ... Vielleicht steht er dann wieder auf.

"Es stimmt was nicht!" raunt der Saxophonist zum Geiger.

Der Clown bleibt liegen.

Die Beine sind lang ausgestreckt, die Hose ist darüber gerutscht. Der Hut ist ganz vorschriftsmäßig durch die Arena gekugelt. Nur die brandrote Perücke ist unvorschriftsmäßig abgefallen. Die Leute halten das für einen gewollten Trick. Man sieht das schneeweiße Haar hervorquellen. "Das ist ja ein alter Mann, Mutti", piepst das kleine Mädchen. Ja, da liegt ein alter, verlassener Mann, der jeden Abend Tausende zum Lachen gebracht hat und selbst im Leben nichts zu lachen hatte. Er ist tot!

Der Zirkusdirektor stürzt in die Manege, verbeugt sich steif. Niemand lacht mehr. Es ist totenstill unter dem Kuppelzelt geworden. In diese Stille hinein fragt der Schwarzbefrackte: "Ist zufällig ein Arzt unter den Herrschaften?"

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