7. Die Gesprächsführung

Die meisten fragen sich, wenn sie mit einem Hauskreis beginnen wollen: Wie soll ich das mit der Gesprächsführung machen? Die folgenden Zeilen wollen, auch für "Fortgeschrittene", ein paar Leitlinien geben.

1. Voraussetzungen

· Gott ist Herr! - Das steht über meinem Leben, und es ist so gut, daß ich als Gesprächsleiter auch weiß: Gott ist auch Herr der Gruppe - auch wenn die Teilnehmer es anders sehen sollten.

· Jesus sitzt neben mir als Gesprächsleiter.

à Das könnte eine Anfrage an meinen Stolz sein, der oft meint: Das kriege ich schon selbst.

à Vertraue ich darauf, daß Gott "seine Finger mit im Spiel hat"? Will ich das?

· Das macht deutlich: Ich trage nicht die ganze Verantwortung, was in der Gruppe läuft oder auch nicht läuft. Das entlastet, gibt mir und der Gruppe mehr Gelassenheit.

2. Die Gesprächsatmosphäre

· Atmosphäre der Offenheit Jeder sollte merken, daß er sagen darf, was er wirklich denkt. Dazu gehört unbedingt, daß wir nicht hinterher übereinander reden, sondern miteinander in Wahrheit und in Liebe umgehen. "Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind." (Epheser 4, 25)

· Atmosphäre der gegenseitigen Annahme Jeder muß seine Gedanken ungeschützt, sagen können, auch wenn sie noch so kritisch sind. Viele sagen nichts mehr, weil sie eine auf den Deckel bekamen. "Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob." (Römer 15, 7)

· Atmosphäre der Vergebung Worte können verletzten, gerade wo ein Gespräch endlich einmal offen wird. Wer lebendige und offene Gespräche wünscht, sollte auch dazu bereit sein, lieblose Äußerungen des Anderen zu vergeben. "Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus." (Epheser 4, 32)

· Atmosphäre als Solche Die Äußeren Voraussetzungen sind auch zu beachten. Die Raumgröße, die Luft (Wenn der Sauerstoff verbraucht ist pennen die Leute ein.), die Temperatur (Wenn es zu warm im Raum ist neigen die Leute dazu einzunicken.), die Sitzordnung (Kann jeder jeden sehen? Denn ich kann dem Gespräch besser folgen, wenn ich den Redner auch anschauen kann.)

3. Die Gesprächsteilnehmer

Eine Gruppe ähnelt einer Anhäufung von edelsten Perlen, die es zu bestaunen gilt. Es ist wichtig, nicht die Anhäufung, sondern die einzelnen Perlen wahrzunehmen und zu bestaunen. Deshalb bitte beachten:

· Jeder Gesprächsteilnehmer hat sein eigenes Interesse an der Gruppe: einen bestimmten Grund und ausgesprochene oder auch unausgesprochene Erwartungen und Wünsche. Wichtig ist, daß diese im Lauf der Zeit bekannt / wahrgenommen / ausgesprochen werden, wobei das nicht heißen muß, daß dann der Hauskreisleiter diese Wünsche erfüllen kann oder muß.

· Jeder Gesprächsteilnehmer bringt sich selber mit: Seine eigene, evtl. schlimme Vergangenheit und Gegenwart und damit seine eigene Problematik und seine ganze persönliche Fähigkeit, sich einzubringen, zu reden oder zu schweigen (Der Hauskreisleiter übrigens auch!). Wir haben aufgrund unserer Anlagen, Erziehung und Lebenserfahrungen bestimmte Lebensgrundüberzeugungen gewonnen und Verhaltensweisen entwickelt, mit der wir uns in die Gruppe und das Gespräch einbringen:
Mit positiven Beiträgen - Dauerreden - Besserwissen - engagierten Wortbeiträgen - leise Reden - verletzender Rede - Schweigen und Abwarten, daß andere etwas sagen ...

Manchmal muß man lange zuhören und hinhören, um die einzelnen Gesprächsteilnehmer zu verstehen und das zu verstehen, was sie sagen.

· Jeder Gesprächsteilnehmer ist von Gott geliebt. Vielleicht weiß er es selber (noch) nicht, aber ich kann davon ausgehen. Und wenn mir ein Teilnehmer unendlich unsympathisch ist...? - Dann gilt obiger Satz zum Glück trotzdem! Und wenn mal versucht diesen Teilnehmer mit den liebenden Augen Jesu zu sehen geht vieles viel, viel leichter. (Ausprobieren! Es lohnt sich!)

4. Die Gruppe

Aus ganz unterschiedlichen Teilnehmern setzt sich die Gruppe zusammen. Welch' ein Chaos! - Welch' eine Chance!

· In jeder Gruppe, auch in einer schweigenden Gruppe steckt Bewegung; denn sie besteht ja aus lebendigen Teilnehmern. Diese Bewegung kann man auch mit dem Wort "Beziehung" beschreiben: jeder zieht, der eine laut, der andere leise.

· Es entstehen Konflikte. Das geht ja auch nicht anders, wenn so unterschiedliche und einzigartige Menschen zusammen sind. Allerdings kommt es bei den Spannungen auf die eigene Einstellung zu Konflikten an. Grundsätzlich gilt: Wo Konflikte sind, da ist Leben. So kann man als Gesprächsleiter ruhig mal Konflikte zulassen, ohne sofort einzugreifen. In der Gruppe selbst stecken ungeahnte Möglichkeiten, ein riesiges Energie-Potential. Nach dem "Zuschauen" ist es die Aufgabe, diese Energie zu kanalisieren.

· In der Gruppe sind Erfahrungen, Begabungen und Weisheiten verborgen, die ich selbst nie besitzen werde. - Freue dich an der Gruppe und auf die Gruppe!

· Eine oft unangenehme Gruppensituation ist das Schweigen. Bevor der Gesprächsleiter eingreift und eventuell aus Verzweiflung einen Vortrag hält, sollte er die folgenden Fragen bedenken:

à Liegt etwas in der Luft? (z.B. Wetterumschwung, Müdigkeit, Spannungen, vgl. auch 2. Gesprächsatmosphäre)

à Ist die Luft raus? (Das Thema / der Text ist vielleicht für den Gesprächsleiter, aber nicht mehr für die Gesprächsteilnehmer interessant!)

à Ist eine Denkpause nötig, damit jeder einzelne das Gehörte verarbeiten kann? (Pausen können fruchtbar sein, wenn ich sie bejahe.)

Eventuell hat sich das Gespräch auch im Kreis gedreht und festgefahren, dann müßte eventuell ein neuer Impuls gegeben werden (z.B. eine Frage, ein neuer Gedanke, der weiterführt. Vgl. auch 5. Gesprächsblockierungen im folgenden Abschnitt).

5. Gesprächsblockierungen

Ein Gespräch kann stocken oder gar nicht zustande kommen (Gründe: s.o.) Stockt ein Gespräch trotz guter Vorarbeit, so ist zu überlegen, ob man mit einem zusammenfassenden Gedanken abschließt oder durch andere Fragestellungen das Gespräch neu zu beleben versucht. Folgende Fragenbereichen können eine Hilfe sein:

a) Fragen zu den Tatsachen: Was geschieht hier? Was wird hier ausgesagt? Was wird gefordert? Fragenbündel: Wer sagt über wen, wann, was, wie und warum? (Dieser Fragenbereich ist allerdings nur bedingt zu empfehlen! Die folgenden Fragenbereich aktivieren die Teilnehmer eher.)

b) Fragen nach den Ursachen: Warum verhält es sich so? Wie kam es dazu? Was war der Anlaß?

c) Fragen, die beurteilen: Wer verhält sich richtig/falsch? Was ist positiv/negativ? Was würden wir als wichtig / unwichtig erachten? Was wäre dazu unsere Meinung? Würden wir uns auch so / nicht verhalten?

d) Fragen nach den Alternativen: Wie könnte ein anderer Weg, eine andere Lösung / Haltung / Antwort aussehen? Gibt es in dieser Sache ein sowohl/als auch? Kann man in dieser Sache tolerant sein?

e) Herausfordernde Fragen: Was ist unsere Meinung dazu? Wie könnte Jesus/Paulus uns heute anreden? Worin sind wir bereit, das Wort/die Aussage/die Forderung ernst zu nehmen?

f) Fragen nach Erfahrungen: Wo haben wir vergleichbare Erfahrungen gemacht? Worin unterscheiden sich die Aussagen der Erfahrungen zwischen damals und heute?

6. Der Gesprächsleiter

· Der Gesprächsleiter darf und soll gelassen sein und Gott viel zutrauen. Seine Körpersprache ist sehr laut und beeinflußt die Atmosphäre. Wenn er frei wird, sich innerlich und äußerlich "zurücklehnt" (im Vertrauen auf Gottes Nähe), empfinden auch die Gesprächsteilnehmer weniger Druck, so kann das Vertrauen und die Offenheit wachsen. Außerdem bezieht eine solche Haltung die Gesprächsteilnehmer stärker in den Gesprächsablauf ein und gibt ihnen Raum, eigene Erkenntnisse und Gedanken zu formulieren, und sie schafft Offenheit zum Hören auf Gott.

· Der Hauskreisleiter sollte sich gut auf das Bibelgespräch bzw. Thema vorbereiten, aber beim Gruppengespräch achtgeben, daß die anderen Gesprächsteilnehmer Raum bekommen für ihre Beiträge, Fragen, ...

· Wenn eine Frage von einem Teilnehmer gestellt wird, die man so nicht beantworten kann, sollte dies ruhig zugegeben werden. Die Frage sollte dann bis zum nächsten Mal verschoben werden. Bis zum nächsten Mal hat man dann genug Zeit sich "schlau" zu machen.

· Der Praxisbezug ist wichtig! Es hat keinen Sinn sich nur ständig fromme Worte "um die Ohren zu schlagen". Der Glaube darf nicht sich in frommen Gerede erschöpfen, er muß gelebt werden. Die Redewendungen: "man müßte", "man sollte" sollten vermieden werden. Besser ist es, persönlich Stellung zu beziehen.

· Die Konsumhaltung in unserer Gesellschaft ist einer der schlimmsten und ansteckendsten Krankheiten und macht auch nicht vor unseren Hauskreisen halt. Deshalb ist es wichtig, daß sich der Gesprächsleiter nicht in die Rolle des "Alleinunterhalters" drängen läßt, sondern den Gesprächsteilnehmer evtl. deutlich macht, daß der Verlauf des Gespräches von ihrer Einstellung und Beteiligung abhängt.

· Wenn irgendmöglich, sollte der Hauskreisleiter immer mit einem Co-Leiter zusammen arbeiten, um das Erlebte zu reflektieren und ein Korrektiv zu haben.

7. Das Vorgehen bei der Gesprächsführung

Bei der Gesprächsführung braucht man Feingefühl und nur in Ausnahmefällen autoritäres Eingreifen. Gesprächsführung geschieht vor allem auch durch stilles Gebet während des Gesprächs, indem ich Gott für die Beiträge danke.

· Linie des Textes halten durch weitere Fragen oder Aufgaben, die im geeigneten Moment ins Gespräch gegeben werden können.

· Aussagen aller Teilnehmer ernst nehmen und wo immer möglich darauf eingehen lassen. Rückfragen stellen, wenn etwas unklar ist oder ein Mißverständnis vorliegt.

· Theoretisieren vermeiden. Persönlich Erfahrenes zählt in erster Linie. Erklärungen sollen daher aus Erlebtem oder im Zusammenhang mit dem Text begründet werden. Rückfragen in dieser Richtung stellen.

· Alle sollten sich beteiligen können, aber keiner muß. Je mehr Leute sich geäußert haben, desto lebendiger war das Gespräch. Und außerdem gilt: Jeder erinnert sich immer am besten an das, was er selber gesagt hat!

· Gute Erklärungen oder Anregungen festhalten durch ausdrückliches Beipflichten oder Ergänzung durch eigenes Beispiel.

8. Die Gefahren bei der Gesprächsführung

· "Sprache Kanaans" vermeiden (das heißt, reden in theologischen Begriffen und Wendungen, die für nicht Eingeweihte unverständlich sind).

· Schulmeisterfragen unbedingt vermeiden (das heißt solche, deren Antwort man selbst weiß oder solche, die nur ja oder nein erfordern; auch solche wie: "Wer weiß...? Wo steht...? Wann war...?" sind meistens nicht geeignet, ein fruchtbares Gespräch anzuregen.

· Ein Meinungsstreit zweier Teilnehmer darf liebevoll unterbrochen werden, falls sich die anderen langweilen oder sich in eine unfruchtbare Debatte einbeziehen lassen.

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